Das Projekt

Der Rückgriff auf Bilder aus der altgriechischen Odyssee soll natürlich keine naturalistische Heldensaga auf die Bühne zaubern; vielmehr handelt es sich bei den gewählten Szenen – Kirke, Lotosesser, Sirenen, Skylla & Charybdis – um archetypische Erlebnisse, um situative Zuspitzungen, die in neuer Form jedem begegnen können.
Daher heben die KünstlerInnen – Komponisten/ Komponistin wie Tänzerinnen – die Thematik einerseits auf eine zunächst neutrale abstrakte Ebene, bevor sie mit psychologischem Gespür ins Innere der jeweiligen Situation hineingreifen und eine neue, diesmal aktuelle und persönliche Identifikationsarbeit leisten.
Das wagemutige persönliche Abenteuer endet aber nicht beim Verweilen im angestammten Kunstmetier; Faszinosum Nummer Eins dieses Kooperationsprojekts ist sicherlich das Hinausgreifen über die Grenzen des Tanzes, der Komposition, der Klangerzeugung in permanentem Bemühen aller Beteiligten, die hier keine vorformulierte Choreographie mit einer vorkomponierten Musik zusammenbringen, sondern in wechselseitiger konzeptioneller und praktisch-künstlerischer Arbeit ihre Vorstellungen zu einem gemeinsamen Ganzen bündeln.
Die Tänzerinnen entwickeln unter der Leitung von Christiana Wagner-Schneider und Janina Bobrowski eigene Choreographien, die Komponisten / Komponistin erarbeiten unter der Leitung von Jürgen Schmitt eigene Werke, die sie überdies in eigener Programmierung mit live-elektronischen Effekten versehen. Fast alle Werke werden noch dazu von den jeweiligen Komponisten selbst interpretiert.
Gemeinsame „Feldarbeit“ also, die in einer gemeinsamen Performance gipfelt. Wohl ein Projekt mit Unikatcharakter.
Jürgen Schmitt

 

Skylla oder „Hände hoch oder ich schieße!“

Geschichtlicher Hintergrund:
Laut griechischer Mythologie war Skylla ein Ungeheuer mit dem Oberkörper einer Frau und sechs Hunden als Unterleib. Zusammen mit Charybdis, einem Meeresungeheuer, das dreimal am Tag das gesamte Wasser einsaugt und ausspeit, stellt sie eine Doppelbedrohung dar, eine Enge, der viele Seefahrer nicht entrinnen konnten.
Einst ein schönes Mädchen, fiel Skylla dem Neid der Kirke zum Opfer und wurde durch sie das besagte Ungeheuer, das fortan gnadenlos wütete.

Zur künstlerischen Arbeit:
Der Fokus der choreographischen Gestaltung liegt auf dem unverschuldeten (!) Schicksal Skyllas:
Nach ihrer Verwandlung in das Ungeheuer wütet sie. Sie wütet willkürlich und gnadenlos. Ohne ihren Zorn zu reflektieren oder ihr Schicksal gar zu hinterfragen. Die griechische Mythologie stellt das erlittene Schicksal Skyllas als Faktum dar. Dem die Figur sich fügt. Unreflektiert und ohne Abwägung möglicher Alternativen.

Diese mythologische Vorlage lenkte meine choreographische Umsetzung auf folgende Fragen:

Wie sehr sind wir an unser „Schicksal“ gebunden?
Wie abhängig ist der Mensch von äußeren Gegebenheiten und Einflüssen?
Wie sehr konditioniert durch Erziehung und geprägt durch Erfahrung?
Können wir frei entscheiden, wie wir uns verhalten?
Wer wir sind?

Skylla, das Portrait einer Serienmörderin und Menschen.
Janina Bobrowski