Die Verführung der Kirke

Die Grundlage für dieses Stück ist das altgriechische Seikilos-Lied, welches zu Beginn vorgestellt wird. Das Material des Stückes besteht komplett aus diesem Lied und wird sowohl durch musikalisches Verarbeiten, als auch durch die Elektronik immer weiter verfremdet. Besonders markant ist jeweils der Anfang: Ansteigende Quinte oder fallende Quarte. Auch inhaltlich spannt das Seikilos-Lied den Bogen über die Kirkeszene aus der Odyssee: Als Klagegesang auf einer Steinstele beschreibt es den Tod, der bei einem Schiffbruch gestorbenen Gefährten des Odysseus, das Sehnen der Kirke nach der Liebe des Odysseus und den Abschied des Odysseus in die Unterwelt.
Das Stück entstand nicht in der sonst üblichen Arbeitsweise zwischen Tänzer und Komponist – d.h. der Komponist schreibt sein Stück und der Tänzer vertanzt es anschließend – sondern Ann-Sophie und ich haben uns zum Teil gegenseitig beeinflusst. Da das Stück formal in drei Abschnitte gegliedert ist, habe ich mich dafür entschieden den Grad der Kooperation zu steigern: Im ersten Teil habe ich das Stück selbstständig komponiert und danach Ann-Sophie gegeben. Für den zweiten Teil habe ich mich von Tanzbewegungen, die sich Ann-Sophie für den Abschnitt gedacht hat, inspirieren lassen. Der dritte Teil besteht aus musikalisch vordefinierten Abschnitten, mit denen ich auf die Tanzbewegungen Ann-Sophies spontan „antworte“. Die kompositorische Herausforderung besteht nun darin, die Formteile sinnvoll miteinander zu verbinden.
Hier setzt die Aufgabe der Live-Elektronik an, die – ähnlich dem Orchester im barocken Konzert – die Barock-Bratsche begleitet, ihre Aussagen kommentiert oder wiederholt und die Formteile miteinander verknüpft. So hängt Klangmaterial jeweils in den folgenden Abschnitt über und verbindet sich mit dem Neuen.
Julian Habryka

Zusammenarbeit ist gar nicht so einfach, wenn jeder auf seinem Gebiet „glänzen“ möchte. Ich als Tänzerin habe beim Choreographieren neue und ungewohnte Voraussetzungen vorgefunden: Arbeiten mit zeitgenössischen Partituren, Integrieren des Instrumentalisten in den Tanz. Dies alles waren Herausforderungen, die meinem Tanz neue Impulse gaben. So haben sich Tanz und Musik gegenseitig beeinflusst.
Ann-Sophie Schmidt